Über die Saturn/Pluto Konjunktion im Zeichen Steinbock am 12.01.2020

Anna PaulusAstrologie, Seminar, ZeitqualitätEinen Kommentar schreiben

Saturn ist die Planetenqualität der Grenzsetzung und konfrontiert uns mit der Realität. Am eindrücklichsten erleben wir ihn in der Auseinandersetzung mit unserem Körper und den damit verbundenen Prozessen von Altern, Gesundheit und Krankheit.
Auch das Gesetz von Karma ist an Saturn gebunden: Ich werde ernten, was ich gesät habe.

Pluto hingegen ist die Planetenqualität der Veränderung und der Wandlung. Er steht für unser Ego und unseren Eigenwillen. Daran geknüpft sind die eigenen Tabuthemen, welche sich im Schatten der Persönlichkeit widerspiegeln. Diese Seite wird meist in der Projektion sichtbar.
Die Aussöhnung mit der eigenen Schattenseite führt zur Selbstbestimmung.

Das Zeichen Steinbock steht für Ausdauer, Beharrlichkeit, Struktur und Einfachheit, jedoch auch Erstarrung, Unnachgiebigkeit, Angst und Panik.

Die Saturn/Pluto Konjunktion in diesem Zeichen bringt uns in Berührung mit der Verantwortung für die eigenen Regeln, die eigene Ordnung und den damit verbundenen eigenen Plan. So wird mit dieser aktuellen Zeitqualität die Illusion von scheinbarer Sicherheit und Autorität sichtbar, sowohl im gesellschaftlichen als auch im persönlichen Erleben. Jeder Einzelne ist gefordert, sich den eigenen Machtthemen in Bezug auf Verantwortung und Sicherheit zuzuwenden. Damit tauchen die Tabus von Manipulation und Missbrauch in Verbindung mit Sicherheit und Schutz auf:

Wo manipuliere und missbrauche ich selbst?
Wo werde ich manipuliert und missbraucht?

Um diese Fragen zu klären, braucht es die Verantwortung dem eigenen Schatten gegenüber. Dieser zeigt sich im Vorwurf und in den Erwartungen, welche ich an die Gesellschaft habe. Meist rühren diese aus vergangenen Erfahrungen in der Familie.
Jeder von uns möchte zugehörig sein und seinen eigenen Platz in der Gemeinschaft einnehmen. Wird dieser Platz verwehrt, verurteilt und in der Folge vielleicht sogar aberkannt, folgt hieraus ein Ungleichgewicht im System. Es liegt nun an jedem Einzelnen persönlich, entweder dem Weg des Machtanspruchs und der Rechtfertigung zu folgen, oder die Berührung mit der eigenen Verletzung und dem eigenen Schmerz über vergangene Zurückweisung, Vorwurf und erfahrene Dominanz zu wählen und hieraus die Identifikation mit der eigenen Persönlichkeit entfalten zu lassen.

Ich nenne das: Die eigenen Autorität zu leben.

Wenn ich mir selbst gegenüber ehrlich und aufrichtig bin, braucht es keine Masken und Rollenbilder dem Umfeld gegenüber, um tätig zu werden. Es genügt zu wissen, was ich fähig bin, zu tun und was nicht. Hieraus ergibt sich, was ich will und was ich in der Folge auch verantworten kann.

Ich selbst erlebe ebendiese Momente, in welchen ich für mich und meinen Platz in der Gemeinschaft einstehe, weder erhaben noch siegreich. Vielmehr sind diese Augenblicke geprägt von dem Wissen um die Möglichkeiten einer Entscheidung, sowie der Gefahren, welche auf diesem Weg liegen.
Die Schwere der Verantwortung kann ich physisch wahrnehmen und sie fordert mich auf zur absoluten Konzentration. Es stellt sich ein Gefühl ein, von unausweichlich und stimmig zugleich.

Ebenso erlebe ich Situationen, in welchen ich mit dem freien Willen meines Umfeldes konfrontiert bin und mich dem Leben selbst beugen muss. Dies fordert mich in Demut und Gelassenheit. Die größte Erkenntnis hierbei ist, dass mein Platz und meine Bestimmung nicht daran gebunden sind, ob ich gewinne oder verliere, ob ich angenommen oder abgelehnt, anerkannt oder kritisiert werde.
All dies sind Erfahrungen, welche dazu führen, dass ich stetig in meiner Autorität wachse, wenn ich sie denn annehmen kann.

Unabhängig davon, dass dies meine grundsätzliche Lebenseinstellung ist, wird diese Haltung durch die aktuelle Planetenkonstellation von uns allen gefordert. Wir alle müssen uns den Bereichen zuwenden, in welchen es ein Ungleichgewicht zwischen Macht und Verantwortung, zwischen Führung und Fürsorge gibt. Weder die Haltung der Unterwürfigkeit noch die der Dominanz stehen zur Verfügung.
Aus meiner Sicht braucht es derzeit das individuelle Einlassen und die Zustimmung zu einer persönlichen Aufgabe in einer Gemeinschaft.
Damit verbunden ist für mich die tiefgreifende Erkenntnis:
Auch wenn ich Individualist bin, bin ich Teil einer Gemeinschaft. Zuerst bin ich Mensch und in dem, Teil der Natur.

Derzeit tauchen bei uns allen die Fragen nach der Substanz auf:
Auf welchem Fundament steht meine Persönlichkeit?
Auf welchem Fundament steht unsere Gesellschaft?

Ich muss wissen, wer ich bin, was ich will und was ich brauche. Wenn mein Umfeld und meine Lebenssituation nicht mit meiner inneren Haltung übereinstimmen, so wird diese sich auflösen und verändern. Unzufriedenheit, Wut, Sehnsucht und Angst sind die Symptome für notwendige Veränderungen.

Chaos und Konflikt folgen, wenn ich mich auf diese Veränderungen einlasse und beginne, mich transparent mit meinen Bedürfnissen und dem, was ich wirklich will, zu zeigen.
Im Weiteren bin ich in der kompromisslosen Verpflichtung mir selbst gegenüber gefordert. Dies bedeutet, zu mir zu stehen, auch wenn mir meine Schatten begegnen. Wenn wir lernen, diese an die Hand zu nehmen, entstehen Rücksicht und Vorsicht. Beides ist unabdingbar in der aktuellen Bewegung. Die Herausforderung liegt darin, sich weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft zu verlieren. Es geht darum, das zu tun, was jetzt gerade ansteht, mit dem, was mir jetzt gerade zur Verfügung steht.

Herz über Kopf, dabei mit beiden Beinen am Boden. Das ist für mich die Kernaussage der Saturn/Pluto Konjunktion. Dazu muss ich mir ein Herz fassen, um den ersten Schritt zu gehen und mich in meiner eigenen Haltung und Positionierung zu zeigen.
Ich werde mich der Gefahr von Kritik und Vorwurf stellen müssen, ohne hierbei in der Selbstverurteilung oder Ohnmacht hängen zu bleiben. Es geht darum, mir bewusst zu werden darüber, wer ich bin. Hieraus folgt die Stärke, aus welcher ich die Konsequenzen meines Tun abwägen kann und somit weder stur an einer Entscheidung und bestehenden Strukturen festhalten muss, noch aus Angst vor einer Veränderung gar keine Entscheidung treffen möchte.

Es gibt nichts zu verlieren. Es gibt nur die Erfahrung zu gewinnen.

Durch einen Blick auf dein Horoskop kannst du deine ganz persönlichen Herausforderungen und Chancen mit der Saturn/Pluto Konjunktion erkennen. Das astrologische Haus deines Horoskops, in welchem das Zeichen Steinbock steht, zeigt deine persönliche Lebensbühne, auf welcher du die aktuelle Zeitqualität erlebst. Die Planeten, welche in deinem persönlichen Horoskop im Zeichen Steinbock stehen oder mit der aktuellen Saturn/Pluto Konjunktion verbunden sind, zeigen deine Persönlichkeitsanteile, welche sich gerade in Überprüfung und Veränderung befinden.

Im Seminar Horoskop-Aufstellung, vom 13. – 15.12.19, kannst du diese unterschiedlichen Faktoren deines Horoskop zueinander in Aktion erleben.

Anmeldung und Infos: paulus.anna@t-online.de

Vom Glück, zu leben

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Ein Todesfall in meinem nahen Umfeld hat mich dazu angeregt meine Gedanken zum Tod, dem Schicksal und dem Leben in diesem Blogeintrag zu teilen.

Immer wieder begegnet mir in Verbindung mit schwerer Krankheit und Schicksalsschlägen die Ein- und Zuordnung dieser Ereignisse zu „gutem“ oder „schlechtem“ Leben.

Ein Beispiel hierzu, welches schon viele Jahre zurück liegt, ist die erstaunte Aussage einer Nachbarin zum Tode einer Heilpraktiker-Kollegin aus dem Nachbardorf. Diese war in jungen Jahren an Brustkrebs verstorben.
Meine Nachbarin meinte hierzu: „Sich selbst konnte sie wohl nicht helfen“.
Zudem stellte meine damalige Nachbarin die Lebensweise der Verstorbenen in Frage und wollte darin eine mögliche Ursache für das schwere Schicksal der Kollegin festmachen.

Damals wie heute bin ich immer wieder erstaunt darüber, wie sehr wir Menschen nach einer Sicherheit und Garantie im Leben suchen, als wäre ein langes und gesundes Leben die Belohnung für das eigene Wohlverhalten.

Krankheit und frühes Sterben erleben wir hingegen oftmals als Bestrafung.

Gottgläubige und religiöse Menschen beugen sich in diesem Zusammenhang oft dem Willen Gottes und geben somit jedwede eigenmächtige Gestaltungsfähigkeit im Zusammenhang mit Gesundheit und Sterben an eine höhere Macht ab.

Als Krankenschwester, damals 27 Jahre alt, habe ich viele Menschen beim Sterben begleitet. Besonders eindrücklich war für mich die Begleitung eines 50-jährigen Mannes, der kurz vor dem Tod stand. Seine Familie besuchte ihn täglich und mein Eindruck war immer der einer zufriedenen und glücklichen Gemeinschaft, voller Freude und Glück bei jedem einzelnen Besuch, trotz des tragischen Schicksal.
Das machte mich neugierig und ich fragte den Mann, wie es ihm gelang, so entspannt und friedvoll seinem nahendem Sterben zu begegnen.
Seine Antwort war diese: „Ich habe in meinem Leben das getan, was ich tun wollte, hatte einen Beruf, welcher immer mein Traum war und habe dadurch viele schöne Orte dieser Welt gesehen. Ich liebe meine Frau und meine Kinder. Darüber bin ich sehr dankbar und kann zufrieden sterben“.
Diese Antwort hat mich sehr beeindruckt, insbesondere da ich im Gegenzug hierzu häufig 80 oder 90 Jahre alte Menschen beim Sterben begleitete, welche sehr mit ihrem Leben haderten und denen es trotz ihres höheren Alters sehr schwer fiel, zu gehen. Es berührte mich zu sehen, dass vieles in ihrem Leben nie gelöst worden war und offen bleiben musste.
Die Erkenntnis hieraus war für mich: Es ist unerheblich, wie alt ich werde. Wichtig ist, dass ich zufrieden bin mit mir und meinem Leben, egal wann ich sterbe.

Mir wurde klar: Ein zufriedenes Leben gewinne ich nicht durch Wohlverhalten. Vielmehr geht es darum, Mut zu haben, das zu Tun, was ich mir erträume und mir das zu geben, was ich für mich und mein Wohlbefinden brauche.

Dadurch wurde ich in meiner inneren Freiheit bestärkt, mit welcher ich mich gegen eine Fremdbestimmung durch eine Ideologie oder gesellschaftliche Normen stelle. Jedes Ideal empfinde ich in sich schon als eine Beschränkung, insbesondere wenn es um die Themen Ernährung oder Spiritualität geht. Schon immer habe ich mich gegen eine strikte, rigorose, „gesunde“ Lebensweise oder spirituelle Lebenshaltung gewehrt, welche mir ein langes Leben versprechen oder mich zu einem besseren Menschen machen sollen.

Ich glaube, dass wir uns mit selbstauferlegten Methoden und Herangehensweisen mit dem Ziel eines gesunden und langen Lebens immer mehr von der Lebendigkeit des Lebens abschneiden. Wir versuchen, durch die Medizin, die Naturheilkunde oder eine spirituelle Lebensweise eine Sicherheit und Lebensgarantie zu gewinnen. Doch der eigentliche Erfolg des Lebens liegt im Mut zum Wagnis und zum Risiko, meinen Träumen und Impulsen zu folgen und diese zu verwirklichen. In diesem Durchleben gewinne ich eigene Erfahrungen, welche die Grundlage meiner inneren Werte und hieraus folgender Prioritäten in meiner weiteren Lebensgestaltung stellt.

Ich persönlich habe Spaß im Ausprobieren dessen, was mir schmeckt und was mich interessiert. Wenn ich meiner Neugierde folge, dann finde ich ganz selbstverständlich heraus, was für mich gesund und stimmig ist.
Damit spreche ich nicht von Leichtsinnigkeit oder Oberflächlichkeit im Umgang mit dem eigenen Leben aus einer Haltung der Gleichgültigkeit oder Überheblichkeit heraus, sondern vielmehr von einer Lebensweise, welche als oberste Priorität dem eigenen individuellen Lebensplan folgt.

Es sollte unser Ziel werden, die Verbundenheit zur eigenen Instinktnatur wieder zu erwecken. Die damit verbundene Lebendigkeit ist die Wildnis, nach der wir uns sehnen und welche wir zugleich fürchten. Wie anfangs beschrieben, geht es im Erleben unseres „Menschseins“ vielleicht vielmehr um die Zufriedenheit im Leben, als um das Wohlverhalten hierbei.

Ich glaube, dass es unserer heutigen Gesellschaft an Demut mangelt, vor allem gegenüber unseres Körpers und der damit verbundenen eigenen Wesensnatur. Wäre die Erkenntnis in uns bereits verankert, dass das Leben sich niemals formen oder bestimmen lässt, da es wild und unberechenbar ist, dann würden wir auch nicht länger mit dem Leben verhandeln wollen, in Form von Versprechen wie: Ich ernähre mich gesund, betreibe Sport, mache es Recht und handle zum Schutz unseres Klimas.

Damit möchte ich eine gesunde und reflektierte Lebenshaltung in keiner Weise in Frage stellen. Zur Illusion wird diese jedoch, wenn ich dadurch glaube, Tod und Krankheit von mir fern halten zu können.

Das Einzige, was ich tun kann, ist heute im Hier und Jetzt zu sein und das zu tun, was gerade in diesem Moment mit mir und meinen Werten, meinen Prioritäten im Einklang ist.

Ob ich so hundert Jahre alt werde oder von schwerer Krankheit verschont bleibe, ist in letzter Konsequenz vermutlich mehr Glück und Gnade als wir denken.

Wage dein Abenteuer

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Vor kurzem habe ich einen Internet-Artikel zu Reinhold Messner gelesen, anlässlich seines 75. Geburtstages im September dieses Jahres. In diesem Beitrag wurde ein Satz von Reinhold Messner zitiert, welcher mich zu diesem Text inspiriert hat:

„Wer sich in die Höhen begibt, der kennt die Tiefen.“

Diese Aussage bezieht sich auf seine Abenteuer in den Bergen und den damit verbundenen Wagnissen.

Der Alpinist begibt sich in Gefahr, wenn er am Berg immer wieder neu seine ganz eigene Route hoch zum Gipfel sucht. Er geht bewusst das Risiko der möglichen Verletzung oder sogar des Sterbens ein, für den Gewinn der Erfahrung in den eigenen Grenzen und Fähigkeiten am Berg.
Die Wildnis der Bergwelt ist gefährlich, unberechenbar und erfordert Wachsamkeit und Vorsicht.

Wenn ich dieses Bild auf mein Modell des Lebens-Alpinisten übertrage, dann bedeutet das für mich:

Im täglichen Leben gibt es immer die Gefahr von Verletzung und Tod, in Form von Enttäuschung und Loslassen auf dem Weg zur Umsetzung meiner Visionen. Den eigenen Lebenstraum zu erfüllen bedeutet, den ganz eigenen Weg zu finden und diesen mutig zu beschreiten.
Dieser Weg wurde vorher noch nicht begangen und ist daher nicht vorhersehbar, meistens also verbunden mit vielen Anstrengungen und Entbehrungen, oftmals über lange Strecken auch mit Unsicherheit und Selbstzweifel.
Manchmal bekommen wir Angst und entwickeln Misstrauen gegenüber unserer eigenen Intuition. In diesen Momenten erkennen wir die reale Gefahr der Existenzbedrohung in den auftauchenden Hindernissen.

Als Lebens-Alpinist weiß ich um das Gesetz der Natur: Leben bedeutet zugleich Loslassen und ich erkenne dieses Gesetz als meine natürliche Grenze an. Somit kämpfe ich nicht mehr gegen das Leben und meine Intuition an, aus Angst vor Enttäuschung, möglichem Scheitern oder der finalen Konsequenz, dem körperlichen Tod.

Schon zu Beginn meines Lebens war meine Lebendigkeit und mein Lebensmut stark ausgeprägt. Ein Beispiel hierfür sind meine ersten Gehversuche im Alter von neun Monaten. Obwohl mir noch nicht einmal das einfache Stehen richtig gelingen wollte, zog ich mich immer wieder an Möbelstücken hoch und lief einfach los. Dies ganz zum Entsetzen meiner Mutter, da ich meistens nach wenigen Schritten stolperte, hinfiel und mir viele blaue Flecken holte. Ich selbst verlor dabei aber nicht den Spaß am Laufen und innerhalb kurzer Zeit war ich sicher darin.

Dahinter steckte damals schon meine Lebenskraft, welche ich aus heutiger Sicht wie folgt benenne: Ich will und ich kann. Die Eigenschaft, welche ich hiermit entwickeln durfte, ist es, geduldig zu sein und auch mal Dinge reifen zu lassen. Ich kann mir Zeit lassen, um in den Weg meiner Visionen immer wieder neu hineinzuwachsen. Das Geschenk hierbei ist, dass ich in der Langsamkeit auch die Gefahren möglicher Hindernisse auf meinem Weg erkennen kann. Heute weiß ich: manchmal muss man erst lernen, zu stehen und stehen zu bleiben, bevor man loslaufen kann.

Um diese Sichtweise zu meiner Persönlichkeit zu erlangen, musste ich mich allerdings erst in meine Tiefen begeben und mich vielen Enttäuschungen über mich selbst stellen. Ich musste mich selbst lieben und verstehen lernen, und ich erkannte, dass ich manchmal mehr will, als ich in dem Moment überhaupt leisten kann. Eine besondere Lektion war die Wirksamkeit der Zeit und dieser zu vertrauen. Das war für mich ein Schlüssel, um mich dem Tun im Hier und Jetzt zu öffnen. Dadurch habe ich die Kraft und Ausdauer gewonnen, welche immer wieder notwendig ist, um meine eigenen Wege zu beschreiten.

In jungen Jahren wollte ich vor diesen Erkenntnissen und vor mir selbst flüchten. Ich habe mich selbst verurteilt für meinen Eigensinn und meine Ungeduld. Es war mir lange Zeit nicht möglich, meine Natur in all ihren Schattenseiten zu lieben.
So lange ich vor mir selbst weglief, würden sich meine Träume aber auch nicht verwirklichen. Somit durfte ich für mich anerkennen, dass mein Instinkt, ohne diesen ich keine Orientierung habe, aus meiner inneren Wildnis geboren wird.

Ich lernte, mir selbst zu vergeben für die Momente, in welchen ich aus Ungeduld oder Selbstzweifel die Flinte viel zu schnell ins Korn geworfen hatte. Ich begann damit, mich in Momenten von Vorwurf und Kritik zu ermutigen, zu mir und meiner Sicht der Dinge zu stehen. Der größte Schritt war meine Einsicht, dass es kein Grund zur Scham ist, umzukehren, wenn ein Impuls sich als Irrweg herausstellt oder ich feststelle, dass ich einer Illusion folge.

Als Lebens-Alpinist muss ich die Tiefen auf dem Weg hin zu meinen Visionen kennen: die eigenen Schatten, Unzulänglichkeiten und Einschränkungen in der eigenen Veranlagung.
Erst in der liebevollen und würdigenden Integration dieser kann ich das Potential meiner Intuition als Kompass nutzen. Dann bin ich fähig, meine Ängste als notwendige Aufforderung zur Reflexion anzuerkennen, in welcher ich den nächsten Schritt nochmals überprüfen und notfalls korrigieren kann. Dadurch lerne ich, Illusion und eigene Vorstellungen von der Realität und wirklicher Führung zu unterscheiden.

Dennoch ist klar: In letzter Konsequenz bleiben das Leben und die eigene Natur unberechenbar.
Dieses Konzept ist also keine Lebens-Garantie, sondern das Fundament, welches Flexibilität im Umgang mit Herausforderungen gibt, ohne hierbei am eigenen Weg zu zerbrechen oder unbeugsam zu werden.

Jedes eigene Abenteuer, welches ich wage, schenkt den Gewinn der allumfassende Verbundenheit, des tief empfundenen Glücks, ein kleiner Teil im großen Ganzen zu sein.

Über Etiketten und Label

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Über Etiketten und Label

Meine Zeit in Hessen, wo ich fünf Jahre wohnte, hat die Entwicklung zu meiner heutigen prozessorientierten Heilarbeit stark geprägt. Bis zu meinem Umzug dorthin arbeitete ich in Bayern als Homöopathin und Astrologin.

Dort im beschaulichen Kraftsolms habe ich im sogenannten „Schutzhaus“ gelebt und gearbeitet, ein ehemaliger Bahnhof, abgelegen mitten in der Natur.
Das Schutzhaus war die Vision meines damaligen Lebensgefährten. Es ist auch heute noch ein Ort, welcher Menschen die Möglichkeit zum Rückzug bietet, über ein Wochenende, eine Woche oder manchmal sogar über längere Zeit hinweg. In diesem Format habe ich in den Räumlichkeiten des Hauses meine Begleitung in den aktuellen Prozessen der Besucher angeboten.

Damals wusste ich noch nicht, wo mich dieser Weg hinführen würde. Es war völliges Neuland für mich, mit Menschen über ein ganzes Wochenende oder gar mehrere Tage in der Einzelarbeit zu sein.
Mein damaliger Lebensgefährte hatte bereits Erfahrung in der Prozessarbeit und ich habe in dieser Zeit viel von ihm gelernt. Unsere Verbindung und Zusammenarbeit bestand darin, dass er aus dem Bereich Coaching und ich aus dem Bereich Heilkunst arbeitete.

Immer wieder fand ich mich in Momenten wieder, in denen ich keinen Plan und keine Orientierung hatte, teilweise nicht einmal eine Beschreibung für das, was ich da gerade tat.
Das große Geschenk dieser Zeit war die Erfahrung, Hilfe und Führung außerhalb meiner eigenen Vorstellungskraft zu finden und zuzulassen. Jedes Mal, wenn meine Verzweiflung am größten war und ich innerlich kapitulierte, mir schon ausmalte, dass meine Klienten nun ihr Geld zurückfordern würden und ich zu meinem früheren Beruf als Krankenschwester zurückkehren müsse, da tauchte plötzlich eine Idee, ein Gedanke in mir auf. Wenn ich diesen Impulsen folgte, kam plötzlich Bewegung in den Prozess und die Klienten konnten in dem Moment Heilung und Lösung erfahren.

Ich konnte mir das nicht erklären. In diesen Momenten spürte ich immer nur eine große Dankbarkeit in mir. Mir war klar: Das ist ein Geschenk. Endlich fühlte ich mich da angekommen, wo ich immer sein wollte in meiner Arbeit. Mein Wunsch danach, mich in meinem Tun gesegnet zu fühlen, wurde in diesen Momenten erfüllt.

Einmal war ein Paar zur Begleitung bei uns, der Mann ein bekannter DJ aus Frankfurt, die Frau selbst Coach. Wir begleiteten das Paar in einem intensiven Prozess, in welchem die beiden an den Kern ihrer Beziehung kamen und in dem an die ganz eigenen wunden Punkte, welche bis dahin in der Beziehung noch unberührt geblieben waren. Diese Berührung geschah durch das gegenseitige Gesehen-werden in der eigenen Verletzlichkeit, frei von Bewertung.
Kurz vor der Abreise bedankte sich die Frau bei mir und sprach erstaunt über ihre neugewonnene Erkenntnis, dass wohl nicht alles ein Label brauche.
Damit traf sie ungewollt auf einen wunden Punkt bei mir. Denn ich selbst haderte immer noch sehr damit, dass ich mein Tun nicht beim Namen nennen konnte.
Somit hatte meine Arbeit auch keine Form und besaß kein Etikett, mit welchem ich für mich und meinen Weg, meine Arbeit, werben konnte.
Professionalität verband ich zu dieser Zeit damit, eine Struktur und ein Konzept für die eigene Arbeit vorweisen zu können.
So konnte ich zum damaligen Zeitpunkt das große Kompliment dieser Frau noch nicht verstehen und auch nicht annehmen. Ganz im Gegenteil: ich fühlte mich einmal mehr als Außenseiter und irgendwie nicht richtig, nicht so wie die anderen sind, wie auch ich sein sollte.

Heute begreife ich dieses Kompliment an mich und meine Arbeit. Es ist die Einfachheit und Authentizität in meiner Begleitung, welche Wirkung zeigt. Gerade die Tatsache, dass ich kein Etikett habe und somit in keine Schublade oder vorgefertigte Kategorie eingeordnet werden kann, eröffnet die Möglichkeit für mehr Spielraum in der Arbeit mit meinen Klienten.

Wenn mich heute Menschen fragen: „Was machst du eigentlich?“, dann kann ich antworten: Ich begleite Menschen in tiefen Heilungs- und Entwicklungsprozessen. Das Modell, an dem ich mich orientiere, ist das des Lebens-Alpinisten. Dieses Modell habe ich selbst entwickelt und darin steht die Erfahrung im Lebensalltag an erster Stelle.

Es ist schön, dass ich heute eine Beschreibung und ein Modell für meine Arbeit habe. Das Wunderbare ist aber, dass ich nicht daran gebunden bin:
Ich brauche keine feste Form, kein strukturiertes Konzept, für die eigene Wertschätzung meines Tuns und damit verbunden nicht die Berechtigung durch ein Modell, welches ich vorweisen kann, um mir selbst die Erlaubnis zu geben, zu arbeiten.

Ich denke, dass wir uns oft selbst mit unseren eigenen Erwartungen im Weg stehen, vor allem, wenn es darum geht, Neues im Leben zu wagen und uns mit der eigenen Kreativität zum Ausdruck zu bringen. Es sind die vorgefertigten Muster in uns, welche uns in der Vorstellung darüber halten, wie etwas sein müsste oder was es brauchen würde, um anfangen zu können oder damit arbeiten zu können, um somit die Anerkennung und den Platz in der Gesellschaft zu bekommen, welchen wir uns für uns selbst wünschen.

In unserer Gesellschaft wird meist der zweite Schritt, die Formgebung, vor dem ersten Schritt, die Formfindung, gefordert. Für mich als Lebens-Alpinist steht die Erfahrung, die Selbst- oder Formfindung, immer an erster Stelle. Es geht wortwörtlich um die „Schritte“, die ich als Alpinist gehe und erwandere, nicht um das Ziel, den Gipfel, das Ende der Route.

Es braucht immer Mut, die eigenen Erfahrung in einem Entwicklungsprozess in den Vordergrund zu stellen. Und es braucht die Zuwendung sich selbst gegenüber, wenn die Unsicherheit des „Ich weiß es noch nicht“ nach Außen sichtbar wird und man damit droht, verletzlich und angreifbar zu werden.

Sich an äußeren, vorgefertigten Konstrukten festzuhalten, gibt uns eine falsche Sicherheit und wir verlieren uns in der Illusion. Die Versuchung, uns mit anderen zu vergleichen, ist groß. Unbewusst gehen wir in die Anpassung und die Erfüllung vorgefertigter Normen.

Die Qualität eines Produktes, einer Fähigkeit, entsteht durch die Erfahrung und das Üben, das Praktizieren. Jeder Handgriff, jede Bewegung in diesem Prozess hat Wert, bringt doch jeder einzelne Schritt das Gesamtbild hervor.

„Richtige Entscheidungen“

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„Richtige Entscheidungen“

In der Zeitschrift „Geo Wissen“, Ausgabe Nr. 64, las ich die Überschrift: „Richtig entscheiden. Die Kunst der guten Wahl“.
Das fand ich spannend, denn ich selbst habe mich im Laufe meines Lebens irgendwann von der Idee getrennt, meine Entscheidungen nach richtig oder falsch bewerten zu wollen.
Die wesentliche Erkenntnis für mich war, dass es darum geht, Entscheidungen zu treffen, ohne die Konsequenzen dieser zu bewerten.
Es sind die Erfahrungen, welche den Gewinn ausmachen, unabhängig vom Ausgang.

Eine solche Entscheidung war mein damaliger Umzug für die Liebe nach Hessen vor fast elf Jahren. Nach kurzer Zeit trennte sich mein damaliger Freund von mir.
In der ersten Phase der Trennung habe ich sehr mit mir gehadert und mich als gescheitert empfunden. Nachdem ich mir zu Beginn meines Umzuges meiner Entscheidung sehr sicher war, fiel es mir schwer, diese Wendung zu verstehen und zu akzeptieren. Ich fühlte mich vom Leben verraten und war in meinem Stolz gekränkt. Mit dieser „Fehlentscheidung“ hatte ich mein Gesicht verloren.

Schließlich erkannte ich aber, dass es sich nicht um eine falsche Entscheidung handelte. Der Schritt, ein neues Leben zu wagen, war wichtig für mich.
Meine Bewertung dieser Entscheidung veränderte sich damit komplett und ich begann zu erkennen, dass es um das Lernfeld meiner Selbstständigkeit und meiner Bewegungsfreiheit ging.

Es waren meine Erwartungen und meine Vorstellungen über die Art und Weise der Verwirklichung diesen neuen Schrittes, welche durch die Trennung enttäuscht wurden. Ab dem Zeitpunkt, an dem ich erkannte, dass ich meine Freiheit mit dieser Wahl gewonnen hatte, bekam ich neue Perspektiven und den Mut für weitere Entscheidungen.
Knapp fünf Jahre später entschied ich mich dann, nach Hamburg zu ziehen, alleine, ohne Anschluss, ohne Kontakte. Ich fühle mich bis heute unglaublich wohl hier und habe die Entscheidung nie bereut. Dieser Schritt wäre mir nicht möglich gewesen, hätte ich nicht zuvor den „Umweg“ über Hessen gemacht.
Ich vertraute in meine neu gewonnene Gewissheit, dass jede Richtung gut ist, solange ich mir selbst gegenüber aufrichtig bleibe, in dem, was ich gerade brauche oder in dem Moment stimmig für mich ist.

Eine weitere wichtige Erfahrung in meinem Leben war die bewusste Entscheidung zum „Nicht-Entscheiden“.
Nach meiner ersten Trennung von meinem damaligen Ehemann war ich mit der Entscheidung konfrontiert, ob ich das gemeinsame Haus behalten oder ausziehen wolle.

Zuerst traf ich die Entscheidung, das Haus zu behalten.
Einen Tag vor dem Termin bei der Bank bekam ich Zweifel und konnte die Unterzeichnung des Kredits nicht mehr tragen.
Ich entschied mich dagegen und für das „ich weiß es noch nicht“. In dieser Freiheit konnte ich mich innerlich erstmal zurücklehnen, loslassen und mich auf das Hier und Jetzt einlassen.
Kurze Zeit später eröffnete sich eine neue Option, welche sich dann auf einmal stimmig und richtig für mich anfühlte.
Ich beschloss, nach Hessen zu ziehen.

Rückblickend bin ich fasziniert davon, wie all diese Entscheidungen letztlich richtig waren, auch wenn sie sich in der Konsequenz manchmal falsch anfühlten.
Jeder dieser Schritte hat mich mehr zu mir und zu dem geführt, wer ich bin, dahin wo ich mich wohl fühle und an den Platz, an dem ich aktuell sein möchte.

Werde der, der du bist.

Ich denke, das ist nur möglich, wenn du beginnst, deinen eigenen Weg zu gehen, mit all seinen Irrwegen und dem allgegenwärtigem Risiko des Scheiterns.

Ein weiteres Beispiel hierfür ist meine Tochter. Sie hatte sich direkt nach dem Abitur für ein Aupair-Jahr in den USA entschieden. Voller Enthusiasmus startete sie in ihr Auslandsjahr, nur um es nach kürzester Zeit wieder abzubrechen. Zurück in Deutschland, entschied sie sich für ein Anglistik-Studium. Doch auch hier fühlte sie sich nicht wirklich wohl und ließ ihr Studium nach nur zwei Semestern wieder fallen. Ein sechswöchiges Praktikum bei einer Plattenfirma beendete sie nach nur einer Woche.

Aus meiner Sicht war keine ihrer Entscheidungen falsch, auch wenn sie sich in ihrer Konsequenz als „nicht das Richtige“ herausstellten. Jeder einzelne Schritt war eine Erfahrung für meine Tochter und hat in ihr die Gewissheit darüber geformt, was ihr gefällt und was ihr nicht gefällt. Man lernt durchs Ausprobieren. Manchmal muss man einfach erstmal „machen“, um dann festzustellen: ist das überhaupt mein Ding? Es gibt dann kein „Was wäre wenn?“ und „Hätte ich doch nur“, sondern ein: „Und was mache ich jetzt?“

Bin ich eine verantwortungsvolle Mutter, wenn ich meine Kinder dazu ermutige, Entscheidungen zu treffen, ohne sie als richtig oder falsch zu bewerten, sondern mit der Motivation, dem zu folgen, was die eigene Leidenschaft und die aktuelle Neugierde weckt?

Am Ende dieses Findungsprozesses hat meine Tochter sich für ihre Leidenschaft entschieden und die Musik zu ihrem Beruf gemacht. Den Mut dazu hätte sie vermutlich nicht gehabt, wäre sie nicht die „Umwege“ gegangen und hätte sich vergewissert, dass das Andere nichts für sie ist.

Ich denke, dass wir als Gesellschaft so besessen von der Idee von „richtigen“ Entscheidungen sind, weil wir möglichst schnell und ohne Umwege am Ziel sein wollen, um so die auf uns projizierte Norm von Professionalität und Souveränität zu erfüllen.
Vielleicht ist der größte Luxus unserer aktuellen Gesellschaft der Besitz von Zeit. Diese schenkt uns die Geduld, die Dinge sich selbst entfalten zu lassen.

Die Voraussetzung hierfür ist jedoch die Bereitschaft, sich immer wieder neu zu entscheiden, ohne in der Abhängigkeit von der Wertung ob richtig oder falsch hängen zu bleiben.
Jede Entscheidung bringt Bewegung und neue Lernfelder mit sich. So entfaltet sich der eigene Lebensweg und die eigene Wesensnatur ganz selbstverständlich.

Kreativität ist der Prozess, welcher aus dem Mut zur Entscheidung entsteht.

Die „Lauf-Freude-App“

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Seit gut einem Jahr gehe ich nun schon regelmäßig laufen und gestalte mein Pensum intuitiv, abhängig von meiner jeweils aktuellen Konstitution.
Das heißt: entweder ich laufe, walke oder gehe, je nachdem was ich gerade brauche, um mich in der Bewegung wohl zu fühlen.

Nun wollte ich mir für die Erkundung neuer Laufstrecken einen Kilometerzähler als App für mein Handy laden. Hierzu habe ich den App-Store meines Handy durchforstet und mir unter den diversen Angeboten eine Lauf-App ausgewählt. Diese habe ich dann auch gleich begeistert installiert.

Bevor die App mit dem Kilometer zählen beginnen konnte, wollte diese noch einige wichtige Einstellungen von mir wissen, um so mein individuelles und optimales Lauftraining zu erstellen.
Neben den Fragen zu meinem Alter, Gewicht und den aktuellen Schuhen, wollte die App noch erfahren, welches Laufziel ich habe und in welchem Zeitraum ich dieses Ziel erreichen möchte. Denn mit einer konkreten Zielvorgabe sei ich motivierter und hieraus folgend erfolgreicher, las ich in der App.
Als weitere Motivation wurde mir angeboten, Freunde einzuladen, um mich mit ihnen im Laufduell zu messen und so meine Laufleistung zu steigern und noch effektiver zu werden.
Zudem gab es schon vorgefertigte Laufmodelle für Lauf-Anfänger, zum Beispiel zum Abnehmen und zum Training für einen Marathon.
Daraufhin sollte ich nur noch loslegen und den Startknopf zum Messen und Bewerten meiner Laufstrecke drücken.

In diesem Moment verflog meine anfängliche Begeisterung über die mögliche Unterstützung und Motivation durch die App.
Plötzlich wurde in mir eine Enge fühlbar. Der Leistungsdruck und das Ziel, meinen Körper bestimmen zu wollen, erinnerte mich an meine Vergangenheit, als ich früher, Anfang 30, beim Laufen immer im Kampf mit meinem Körper und meiner Empfindsamkeit war. Für dieses Duell brauchte ich keine Laufkameradschaft, es genügte mir mein eigener Leistungsanspruch. Damals wollte ich der Sieger über meinen Körper, mit all seinen Unzulänglichkeiten und Grenzen, sein.

Es war die Jagd nach dem Erfolg im Überwinden meiner Empfindsamkeit, welche mich immer wieder in die Knie zwang. Das Ausbremsen begegnete mir in Form von Asthma. Dieses Symptom meines Körpers erschien mir als Bestrafung und weckte meinen Ärger darüber, dass ich mich nicht bewegen konnte. Je mehr ich versuchte mit Medikamenten und weiterem Lauftraining zu Atem zu kommen, umso verkrampfter wurden meine Bronchien. Irgendwann kam der Tag, an dem gar nichts mehr ging.
Über viele Jahre hinweg war ich daraufhin in der Laufpause.

In dieser Zeit habe ich mich intensiv mit meiner Empfindsamkeit beschäftigt. Mein Körper wurde mein Lehrer. Dadurch erkannte ich, dass meine körperlichen Grenzen mich fordern in geistiger Entfaltung und emotionaler Tiefe. Hierbei durfte ich lernen, die inneren seelischen Bewegungen ebenso wertzuschätzen wie die äußeren körperlichen Bewegungen.

So empfinde ich heute große Dankbarkeit darüber, dass meine körperlichen Empfindungen mich aufmerksam machen, aufs Innehalten und damit verbunden aufs konkrete Anhalten. Wenn ich heute beim Laufen keine Kraft mehr in den Beinen habe, oder außer Atem bin, ich also den Punkt fühle, an dem ich mich und meinen Körper bezwingen muss, um weiter laufen zu können, dann höre ich auf meine innere Bewegung.
Dann lasse ich los, beginne, entspannt zu spazieren und erfreue mich der Natur um mich herum und meiner gewachsenen Fürsorge mir selbst gegenüber.

Diese Gedanken, die Erinnerung an mein Laufgefühl in der Vergangenheit und die Freude über mein Laufen heute haben in mir die Idee einer „Lauf-Freude-App“ geweckt.

Dies wäre eine App, welche motiviert, die Erfahrungen des Laufens in den Vordergrund zu stellen. Man könnte Freunde zum Austausch über das individuelle Laufgefühl und die Erfahrungen im jeweiligen Lauf einladen.
Es gäbe ein Wochenprofil, welches am Ende der Woche zeigt, wie hoch mein Level an Freude in dieser Woche war und wie viele Erfahrungen ich durch das Laufen gesammelt habe. Die Bereicherung des Laufen Gehens wird angezeigt, nicht die Distanz zum festgelegten Ziel.
Außerdem gäbe es vielleicht einen Piepton, ein Warnsignal, das daran erinnert: Du bist gerade im Leistungsmodus, im Vergleich oder im Wettbewerb mit anderen. Pass auf!

An dieser Stelle möchte ich gerne die Brücke schlagen zu meinem Modell des „Lebens-Alpinisten“. In diesem Modell steht die Erfahrung der Auseinandersetzung mit der eigenen Wesensnatur im Vordergrund. An dieser Erfahrung misst der Lebens-Alpinist seine eigene Größe und beginnt die eigenen Grenzen anzuerkennen oder über sich selbst hinauszuwachsen.

Der Weg ist das Ziel.

Also wäre das Ziel meiner „Lauf-Freude-App“: der Weg selbst.
Diesen Weg gilt es zu erfahren. In jedem Fall wird das Ziel erreicht. Wie es erreicht wird, ist frei und unterliegt keiner Wertung.
Es geht darum, mich immer wieder neu auf die Erfahrung des Laufweges einzulassen. Erfolgreich bin ich, wenn ich den Weg so laufe, wie er sich heute für mich zeigt.
Denn dann bin ich in Freude beim Laufen und lasse die Wertungen der äußeren Form meiner Bewegung los.

Die Lauf-App habe ich inzwischen wieder gelöscht. Eine „Lauf-Freude-App“ gibt es zwar (noch) nicht und bleibt wohl ein theoretisches Wunschdenken, aber am Besten läuft es sich sowieso ohne Handy.